In den Monaten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ringt Europa um Orientierung, während die Weltöffentlichkeit auf jene historischen Prozesse blickt, die erstmals die Verbrechen des NS-Regimes juristisch aufarbeiten sollen. Mitten in dieser Umbruchszeit stehen nicht nur Militärs, Juristen und Zeugen im Rampenlicht, sondern auch jene Menschen, deren Arbeit meist im Hintergrund bleibt: die Dolmetscherinnen und Dolmetscher, die zwischen Sprachen, Kulturen und moralischen Abgründen vermitteln müssen.
Vor diesem Hintergrund setzt der 2025 veröffentlichte Roman „Die Dolmetscherin“ ein und erzählt die Geschichte von Asta, einer jungen Frau, die durch ihre Aufgabe unweigerlich in den Strudel der Nachkriegsjustiz gezogen wird. Die junge Sprachmittlerin arbeitet im mondänen Kurhotel „Palace“ im luxemburgischen Mondorf-les-Bains – jenem Ort, an dem die US-Armee führende Vertreter des NS-Regimes festsetzt.
Am 20. Mai 1945 trifft ein besonderer Häftling ein: Hermann Göring, einst mächtiger Luftwaffenchef und von Hitler selbst als Nachfolger vorgesehen. Mit prunkvollem Gepäck und persönlichem Diener verkörpert er den ungebrochenen Größenwahn des untergegangenen Regimes. Für Asta beginnt damit eine Aufgabe, die ihr Leben verändert. Sie begleitet die ersten Verhöre, übersetzt in endlosen Sitzungen und wird schließlich nach Nürnberg versetzt, wo sie im Gerichtssaal täglich mit Zeugenaussagen und Geständnissen konfrontiert wird, deren Grauen sie tief erschüttert.
In dieser Atmosphäre der historischen Abrechnung begegnet sie dem sensiblen Leonhard, dessen Zuwendung ihr Halt gibt. Doch je näher sie sich kommen, desto deutlicher spürt Asta, dass er mehr über die Ermittlungen zu wissen scheint, als er zugibt.
Der Roman reiht sich thematisch in Werke ein, die weibliche Perspektiven auf große Gerichtsverfahren der Nachkriegszeit beleuchten – etwa Annette Hess’ „Deutsches Haus“ über die Übersetzerin beim Frankfurter Auschwitz-Prozess.
https://www.br.de/franken/inhalt/buchtipps/titus-mueller-die-dolmetscherin-100.html
