Wem gehört das Wissen für die KI?
Massenankauf von Büchern für KI-Training
Unter dem Namen „Project Panama“ soll das US-amerikanische Unternehmen Anthropic große Mengen gedruckter Bücher aus Europa für das Training seiner KI-Systeme beschaffen. Dafür werden offenbar vor allem Bestände aus dem sogenannten Modernen Antiquariat aufgekauft. Händler berichten von ungewöhnlich hohen Umsätzen innerhalb kurzer Zeit: Einzelne Verkäufe sollen ihnen zehntausende Euro eingebracht haben. Was zunächst wie ein lukratives Geschäft für eine wirtschaftlich angeschlagene Branche wirkt, könnte sich jedoch langfristig als problematisch erweisen. Werden große Teile einer Buchauflage aufgekauft, verschwindet ein Teil des verfügbaren Bestands dauerhaft vom Markt.
Hinter den massenhaften Ankäufen steht nach den vorliegenden Angaben der Bedarf moderner KI-Systeme an großen Mengen hochwertiger Trainingsdaten. Während ältere, gemeinfreie Literatur längst digital verfügbar ist, enthalten neuere Fach- und Sachbücher Wissen, das weiterhin urheberrechtlich geschützt ist. Gerade diese Inhalte sind für die Entwicklung leistungsfähiger KI-Modelle besonders interessant.
Rechtliche Einordnung
Das Vorgehen wirft deshalb erhebliche rechtliche Fragen auf. Die Bücher werden offenbar erworben, anschließend teilweise zerlegt und eingescannt. Die Originale können danach vernichtet werden. In den USA könnten sich Unternehmen unter bestimmten Voraussetzungen auf das sogenannte „Fair Use“ berufen, das die Nutzung geschützter Werke etwa für Forschung ermöglicht. Ob diese Argumentation tatsächlich greift, ist jedoch umstritten. Für Deutschland gelten andere rechtliche Maßstäbe. Entscheidend ist nicht, ob das physische Buch nach dem Scan noch existiert, sondern ob geschützter Inhalt ohne entsprechende Erlaubnis vervielfältigt und genutzt wurde.
Vertreter des deutschen Buchhandels sehen deshalb einen möglichen Verstoß gegen das Urheberrecht. Besonders problematisch ist aus ihrer Sicht, dass kaum nachvollziehbar ist, welche Werke tatsächlich für das Training von KI verwendet werden. Ohne ausreichende Transparenz können Autoren und Verlage ihre Rechte nur schwer durchsetzen. Erste juristische Auseinandersetzungen zwischen Rechteinhabern und KI-Unternehmen zeigen bereits, wie konfliktträchtig das Thema ist.
Kulturelle und soziale Auswirkungen
Neben den rechtlichen Fragen steht eine grundsätzliche kulturpolitische Debatte. Wenn gedruckte Bücher massenhaft verschwinden, während ihr Wissen in kommerziellen KI-Systemen weiterlebt, könnte der Zugang zu kulturellem und wissenschaftlichem Wissen zunehmend von wenigen Technologieunternehmen kontrolliert werden. Gleichzeitig produziert KI immer größere Mengen neuer Texte, wodurch hochwertige menschliche Inhalte schwerer auffindbar werden können.

