Wie das Gehirn mehrere Sprachen gleichzeitig verarbeitet

Mehrsprachige Menschen nutzen ihre Sprachen nicht unabhängig voneinander. Stattdessen bleiben alle erlernten Sprachen im Gehirn gleichzeitig aktiv – selbst dann, wenn nur eine davon gesprochen wird. Wie das Gehirn dennoch die passenden Wörter auswählt und Sprachverwechslungen verhindert, untersucht die Sprachwissenschaftlerin Isabella Fritz am Institut für Schallforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Für dieses Forschungsprojekt wurde sie mit dem renommierten ASTRA-Preis des Wissenschaftsfonds FWF ausgezeichnet, der ihr den Aufbau einer eigenen Forschungsgruppe ermöglicht.

Im Mittelpunkt ihrer Arbeit steht die Frage, wie das Gehirn mehrere Sprachsysteme organisiert und verarbeitet. Bekannt ist bereits, dass sich eine Sprache nicht einfach „abschalten“ lässt. Wer beispielsweise Deutsch spricht, aktiviert gleichzeitig auch Kenntnisse aus anderen Sprachen wie Englisch. Bislang ist jedoch kaum verstanden, wie das Gehirn diese parallelen Informationen koordiniert und dennoch zuverlässig die richtigen Wörter auswählt.

Ein besonderer Schwerpunkt der Forschung liegt auf der Verarbeitung von Sprachlauten, der sogenannten Phonologie. Laute sind die erste Information, die das Gehirn beim Hören analysieren muss. Zunächst unterscheidet es Sprache von anderen Geräuschen, anschließend erkennt es einzelne Laute, aus deren Kombination schließlich Wörter entstehen. Obwohl weltweit Hunderte verschiedener Konsonanten und Vokale existieren, verwendet jede Sprache nur einen kleinen Teil davon. Deshalb bereiten Laute, die in der Muttersprache nicht vorkommen, häufig Schwierigkeiten. Ein bekanntes Beispiel ist das englische „th“, dessen Aussprache vielen Deutschsprachigen schwerfällt, weil dieser Laut im Deutschen nicht existiert.

Um diese Prozesse zu untersuchen, misst Fritz die Hirnströme von Versuchspersonen, während sie gesprochene Wörter hören oder selbst aussprechen. Dabei interessiert sie unter anderem, ob ähnlich klingende Wörter in verschiedenen Sprachen die Verarbeitung erleichtern oder zusätzliche geistige Anstrengung erfordern. Außerdem erforscht sie, wie das sogenannte mentale Lexikon organisiert ist – also der Bereich im Gehirn, in dem Wörter und ihre sprachlichen Eigenschaften gespeichert werden. Offen ist bislang, ob alle Sprachen auf ein gemeinsames „Wörterbuch“ zugreifen oder getrennte Strukturen besitzen.

Die Erkenntnisse könnten künftig auch den Fremdsprachenunterricht bereichern. Studien zeigen, dass Lernende bestimmte Laute oft deshalb nicht korrekt aussprechen, weil sie die feinen Unterschiede zunächst gar nicht wahrnehmen. Ein besseres Verständnis dieser Prozesse könnte dazu beitragen, neue Lehrmethoden zu entwickeln und den Spracherwerb gezielter zu fördern.

https://www.oeaw.ac.at/news/gruendlich-wie-ein-lexikon-so-verblueffend-verwaltet-unser-gehirn-sprachen

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